Der Gangster ist im Paradies

Harald Riegg liest am 29.09.2022 in der Emma Heilbronn

Harald Riegg, Emma 23 29. September 2022

Recht morbide und schräg geht es in diesen Gute Nacht-Geschichten zu, die Harald Riegg ausgewählt hat: Neben Vergewaltigungsphantasien, spielen tote Katzen und Medienverteufler eine Rolle.

Es ist eine überschaubare, kuschelige Runde in der Emma, als Harald Riegg die erste Geschichte vorliest. Aus Margaret Atwood „Unter Glas“ von 1977 sind es die Vergewaltigungsphantasien. Eine Runde kanadischer Frauen erzählen sich in der Mittagspause „Vergewaltigungphantasien“. Die Erzählerin der Geschichte wird auf der Straße angefallen oder im Keller ihrer Mutter mit einer Axt bedroht. Sieverwickelt ihre potenziellen Vergewaltiger in Gespräche und bringt sich selbst zu bemitleiden, sie als zukünftige Mutter der heiligen Anna anzuerkennen oder – nachdem sie voneinander erfahren, dass sie Leukämie haben, bis zum Tod gemeinsam zu leben.

Zwischendurch gibt Harald die Spruch ein: „Die Intelligenten lernen aus Fehlern der anderen, Die Mittelmäßigen aus eigenen Fehlern und die Dummen müssen nichts lernen. Sie wissen schon alles.“ Bevor es mit Truman Capotes Gastfreundschaft aus „Musik für Chamäleons“ weiter geht. In dieser Geschichte strandet der Erzähler mitten in der Nacht im ländlichen Conneticut, als er mit einem betrunkenen Ehepaar nicht weiter fahren möchte. Er kommt die Nacht bei einer einsam lebenden älteren Frau unter, mit der er sich gut versteht. Am nächsten morgen entdeckt er dutzende tiefgefrorene Katzen in der Tiefkühltruhe. Die Besitzerin kann sich nicht von ihren ehemaligen Mitbewohnern trennen.

Der Veranstaltungsraum bei der Lesung
Harald Riegg vor seinen Zuhörern
Harald Riegg auf der Bühne
Harald Riegg heute mit Heiligenschein

Vor der Pause noch die „Friedensode“ von Jacques Prévert, in der der Frieden seinen Preis hat. Dazu „Die verlorene Zeit“, in der ein Arbeiter den schönen Tag nicht in Form von Arbeit schenken will.

Zum morbiden Grundthema des Abends passt, dann noch Haralds Ausführung zum eigenen Alltag. Ich glaube, in der Pause erzählt er, das er morgens noch eine CD des Hiphopers Coolio gehört hat. Später erfährt er, dass er gestorben ist. Ist da eine Verbindung vorhanden?

Nach der Pause greift Harald auf eine eigene Geschichte zurück. „Der Krähenbaum“ ist die genaue Beschreibung, wie er als Schüler aus dem Unterricht in Oedheim beobacht, wie Krähen nach und nach einen Baum in Beschlag nehmen. Die beschriebene Szene ist so plastisch beschreiben, das sie vor dem inneren Auge entsteht.

Harald Riegg blickt auf
Harald kontrolliert, ob alle zuhören
Harald liest und gestikuliert
Mit kleinen Gesten unterstützt Harald das Vorlesen

Shirley Jackson beschreibt in einer Kurzgeschichte in „Die Teufelsbraut“ wie eine Frau Taylor Kontakt zu neuen Nachbarn knüpfen möchte. Beide Familien haben eine kleines Kind, was Anknüpfungspunkte schafft. Allerdings lehnt die neue Familie Radio, Zeitung und auch Kino kategorisch ab. Bei alle Freundlichkeit ist da dann der Punkt erreicht, an dem Frau Taylor mit ihrer Tochter ins Kino geht und die gemeinsame Verabredung am Nachmittag schwänzt.

„Bescheuerte Christen und die Antwort darauf“ ist die Übersetzung eines Briefes an die fundamental-christlichen Radiomoderatorin Laura Schlessinger. Sie sagt, dass man den Worten der Bibel unbedingt folgen muss. Unter Verweis auf entsprechende Bibelstellen fragt der Briefschreiber Jake welchen Preis beim Verkauf der Tochter in die Sklaverei angemessen ist. Oder ob er den Nachbarn, der Samstags verbotenerweise immer arbeitet, eigenhändig töten muss. Das sorgt beim Publikum für viele Lacher.

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