Wenn Nägel brechen

Harald Riegg liest in der Emma 23

Harald Riegg, Emma 23 27. Oktober 2022

Die ausgewählten Gute Nacht-Geschichten entpuppen sich wieder als Strauß mit moribunder Schlagseite. Höhepunkt sind die Tagebucheinträge einer reichen Partygängerin, die Harald Riegg kongenial vorträgt.

Kann es sein, dass Haralds Auswahl stark auf US-amerikanische Literatur zielt? Die erste Geschichte von E. Annie Proulx gehört gleich dazu. Es geht um einen Blues-Gitarristen, der versucht den Durchbruch zu schaffen. Er trifft auf einen Hillbilly-Klan, die zu Hause musizieren – durchaus gekonnt. Die Lieder tragen Titel wie „Im Garten steht ein Grabstein“ der „Nasses Heu“. Als es zu sexuellen Kontakten mit einem weiblichen Familienmitglied kommt, die sich als Ehefrau des Seniors herausstellt, eskaliert die Situation. Der Gitarrist entkommt nur knapp. Gute Beschreibung eines heruntergekommenen Milieus, in dem aber einzigartige Musik nur für den Hausgebrauch gespielt wird.

Auch interessant die Geschichtensammlung „Du bist ein Tier, Viskosvitz“ von Alessandro Boffa, in der Menschen als Tiere dargestellt werden. Der Protagonist ist ein Elch, der sich in einem langwierigen Kampf gegen einen Rivalen durch setzt. Als Belohnung gehört im nun eine Herde Elchdamen. Beim Versuch sie zu begatten, wird er von Wölfen, Jägern und Luchsen gestört. Nach einigen Mühen und Verletzungen gelingt es ihm, alle Gefarhen vom Rudel abzuwehren. Endlich ist alles für die Paarung bereit. Leider ist inzwischen die Brunftzeit vorbei und bis zum nächsten Jahr heißt es nun, sich um die Bedürfnisse der Elchkühe zu kümmern.

Harald Riegg auf der Bühne der Emma 23
So sieht Harald Riegg aus Zuschauerperspektive aus
Blick auf die Zuschauer über die Schulter von Harald Riegg
So sieht das Publikum aus Harald Riegg Sicht aus

Zwei Kurze Gedichte von Christian Morgenstern „Das Bundeslied der Galgenbrüder“ und „Galgebruders Lied an Sophie, Die Henkersmaid“ läuten die Pause ein.

In „Das Wunschkästchen“, aus „Die Bibel der Träume“ von Sylvia Plath, treibt ein Ehemann mit ausufernden Traumfantasien seine Ehefrau zur Verzweiflung. Denn sie kann sich meistens an nichts und wenn doch, nur an Alpträume erinnern. Sie flieht in den Alkohol, leidet unter Schlaflosigkeit und greift dann zu Tabletten. Übrigens wieder aus dem nordamerikanischen Kulturraum.

Haralds eigene Geschichte „Trockene Blumen“ ist ein autobiographisches Stück und handelt von einem Trockenblumenbild, das er als Schüler herstellen soll. Zum Trocknen der Blumen verwendet er das einzige Buch seines Großvaters und als Vorlage für das Bild ein darin eingelegten Zettel. Das führt zu einer irritierten Lehrerin, Vorladung der Eltern und einer Tracht Prügel vom Vater. Die Pointe möchte ich hier nicht verraten.

Blick über Harald Riegg Schulter auf die Lesevorlage
So sieht es aus, wenn man Harald Riegg über die Schulter blickt
Harald Riegg gestikuliert beim Vorlesen
So sieht es aus, wenn Harald Riegg mit Gesten unterstützt

Für mich definitiv der Höhepunkt ist das als Harald „Aus dem Tagebuch einer Lady“ aus „New Yorker Geschichten“ von Dorothy Parker vorträgt. Eine Frau aus der Oberschicht verbringt ihre Tage und Nächte mit Premieren, Partys und Verabredungen. Dabei fließt viel Alkohol und das schlimmste ist, wenn die Fingernägel nicht fein säuberlich gerichtet sind. Harald hebt beim Lesen die Tonlage der Stimme und und imitiert die Sprache der Frau. Die Wiederholung der Beschreibung von Partys, bei denen die immer gleiche ungarische Band auftritt, der stets abwesende Ehemann, ihre vergeblichen Versuche sich mit anderen zu verabreden um schlussendlich immer mit dem gleichen Mann auszugehen, steigert sich, untermalt von Harald Stimme, immer weiter. Da hilft irgendwann nur noch Lachen.

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